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Tagebuch

 

Perspektiven

 

"Nun hatten wir gedacht, die Krise neige sich langsam dem Ende zu", schreibt Verleger Alfred Klemm in seiner aktuellen Programmvorschau, "und bald würde wieder alles normal werden, so wie wir es kennen und lieben. Doch schon folgt die nächste Tragödie, und wir können nur daneben stehen und allenfalls Tropfen auf den heißen Stein gießen." Diese Gedanken des Geschäftsführers vom Kröner-Verlag, dessen Bücher ich sehr verehre, und die einen Ehrenplatz in meiner Buchhandlung haben, bewegen mich in dieser Zeit besonders. Was können wir ausrichten in einer Welt voller Gewalt, des Neids und der Zerstörung? Erschreckend wenig, das kommt uns immer mehr vor Augen. Doch: "In solchen Zeiten sind Bücher, sind die Literatur, die Musik, die Kunst, wichtiger denn je, nicht nur durch ihre Kapazität, Missstände aufzudecken, aufzuklären, Entwicklungen vorauszusehen, in menschliche Abgründe zu blicken, sondern auch und vielleicht sogar vor allem durch ihre Fähigkeit, uns in fremde Welten zu entführen, uns zu helfen, unseren Alltag, unsere Grübeleien hinter uns zu lassen und eine Weile das Leben eines Anderen zu leben - und so auch dazu beizutragen, den Anderen, die Anderen, besser, von innen her zu verstehen."

 

Ich gebe zu, diese hoffnunglos hoffnungsvollen Gedanken bringen mich jeden Tag dazu, die Türen meiner Buchhandlung wieder aufzuschließen - und zu erleben, dass die Buchkäufer in ihren Köpfen und Herzen die gleichen oder ähnliche Wünsche hin- und herbewegen. Denn, um noch einmal Alfred Klemm zu zitieren: "Das ist es, was wir an der Literatur lieben, und warum wir trotz aller Schwierigkeiten nicht damit aufhören werden, gute Literatur unter die Leute zu bringen."