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Tagebuch

 

Harry Decheiver

 

Wann nehmen die Krisen ein Ende? So oft diese Frage zu hören ist – Antwort auf sie geben kann keiner. Sind wir deshalb so deprimiert? Ob der Krieg, das Klima oder die Inflation, unser Land ist direkt betroffen. Gefühlt mehr als andere, wie es scheint. Viele Leute hier üben sich in Rückzug. Sind sie auf dem Holzweg? Nein, keinesfalls. Sich besinnen, im privaten Leben nach Lösungen suchen, individuelle Antworten finden, das sind kleine, richtige Schritte. So geht der Weg nach vorn. Bewusster leben, könnte gesagt werden, ist das Gebot der Zeit. Kann nicht jeder von dem Zuviel, das er hat, etwas oder mehr abgeben? Verzeihung, doch es ist ein tolles Gefühl des Erinnerns, wie der Mittelstürmer Harry Decheiver einst beim SC Freiburg dem Gegner einen Ball nach dem anderen ins Tor knipste. So ähnlich könnten wir es doch auch mit dem Licht machen, oder? Den Schalter ein paarmal am Tag ausknipsen. Die Heizung von fünf auf drei drehen, wenn wir an die kalte Finsternis im Osten denken. Jede Krise schrumpft, wenn sich nur ausreichend viele widersetzen.

 

Kaltes Wasser

 

An einem dieser heißen und trockenen Sommertage kam ich auf dem Weg zur Straßenbahn wie zufällig an dem kleinen, lebhaften Brunnen vorbei. Ein fröhlicher Bursche aus schwarzem Stein ließ sich genüsslich das kühle Wasser über sein Gesicht laufen. Das Becken war klein, weshalb ich meinen spontanen Plan, neben ihm hineinzusteigen, nicht so leicht verwirklichen konnte. Allemal vorstellen, wie erfrischend das hätte sein können, vermochte ich mir aber auf der Stelle. Freunde und Mitmenschen, dachte ich, tut euch ein Gutes am Wasser, damit eure Seelen nicht eintrocknen! Wir laufen in unserem gesegneten Land so oft mürrisch aneinander vorbei und nehmen es mit rücksichtsvoller Verständigung leider nicht sehr genau. Die Füße für ein paar Minuten ins kalte Wasser halten, umschwirrten mich die Gedanken weiter, wie herrlich frei macht das unter Umständen den Kopf. Mienen könnten sich entspannen, alle Wetter-Apps für gewisse Zeit ignoriert werden. Vielleicht wendet sich mancher Blick sogar dem Himmel zu, hielt ich einen Moment lang für möglich. Vorurteile mal beiseite, Leute, wenn Wolken aufziehen! Und nicht immer gleich den Schirm aufspannen.

 

Alles normal

 

"Nun hatten wir gedacht, die Krise neige sich langsam dem Ende zu", schreibt Verleger Alfred Klemm in seiner Programmvorschau, "und bald würde wieder alles normal werden, so wie wir es kennen und lieben. Doch schon folgt die nächste Tragödie, und wir können nur daneben stehen und allenfalls Tropfen auf den heißen Stein gießen." Diese Gedanken des Geschäftsführers vom Kröner-Verlag, dessen Bücher ich sehr verehre, und die einen Ehrenplatz in meiner Buchhandlung haben, bewegen mich in dieser Zeit besonders. Was können wir ausrichten in einer Welt voller Gewalt, des Neids und der Zerstörung? Erschreckend wenig, das kommt uns immer mehr vor Augen. Doch: "In solchen Zeiten sind Bücher, sind die Literatur, die Musik, die Kunst, wichtiger denn je, nicht nur durch ihre Kapazität, Missstände aufzudecken, aufzuklären, Entwicklungen vorauszusehen, in menschliche Abgründe zu blicken, sondern auch und vielleicht sogar vor allem durch ihre Fähigkeit, uns in fremde Welten zu entführen, uns zu helfen, unseren Alltag, unsere Grübeleien hinter uns zu lassen und eine Weile das Leben eines Anderen zu leben - und so auch dazu beizutragen, den Anderen, die Anderen, besser, von innen her zu verstehen."

 

Ich gebe zu, diese hoffnunglos hoffnungsvollen Gedanken bringen mich jeden Tag dazu, die Türen meiner Buchhandlung wieder aufzuschließen - und zu erleben, dass die Buchkäufer in ihren Köpfen und Herzen die gleichen oder ähnliche Wünsche hin- und herbewegen. Denn, um noch einmal Alfred Klemm zu zitieren: "Das ist es, was wir an der Literatur lieben, und warum wir trotz aller Schwierigkeiten nicht damit aufhören werden, gute Literatur unter die Leute zu bringen."